Zur Arbeit

Dieser stechend scharfe Geruch, S-Bahn Frankfurter Allee
Rigaer Straße! Sehenswürdigkeiten auf paar hundert Metern: ein abgelegter Hoody,
herrenloses Essen auf dem Tisch vorm Imbiss, eingetütet, erkaltet, wischen
Hundekotbeutel durchs Bild, hingefläzte
Kartonagen. Gekralle von Tauben vom Sims herab. Nebelkrähen.
Eine Wanne steht da immer. Ist was los, gibt was zu gucken.
Dann paar Stufen ins Atrium, „Arcadia”
Eigenwerbung: Wohlfühlhotel

Baustelle

Meine Nachfolgerin war Caroline, die ihren englischen Namen ihrer englischen Großmutter verdankte, sie war aber italienischer Abkunft. „Baustelle” sagte sie, als sie vom dritten Stock hinunter auf die in Konstruktion befindliche Shopping Mall sah, von der noch nicht viel zu erkennen war. Bagger hoben eine Tiefgarage aus, und da standen so fette Teile, für Beton, glaube ich, sahen aus wie stählerne Sanduhren, leicht zusammengedrückt. Sie erklärte uns, wie merkwürdig das Wort in ihren Ohren klang. „Bau bau” ist nämlich bellen, auf Italienisch, und „stelle” sind Sterne. Sie dachte bei „Baustelle” an einen Hund, der die Sterne anbellt. Sie rauchte selbstgedrehte Zigaretten und sah immer käsebleich aus, die Haut auch nicht richtig glücklich. Sie war hundeverrückt und liebte das Chaos, oder sie hielt es aus. Ein Hund lief da auch rum, wenn ich vorbeikam, der war geheim. Sie verschlief die Tage (hat mir Paul erzählt) und wurde erst abends munter, dann ging sie auf Parties, und zwar, wenn ich richtig verstanden habe, jeden Abend, vielleicht auch normal mit dreiundzwanzig. Mitten in der Nacht kam sie zurück, aufgekratzt, angeschickert, machte Krach, die Nachbarn beschwerten sich. Es war sicher kein bösartiger Krach, vielleicht tanzte sie nur eine Runde oder sang ein Lied, das ging gar nicht gegen wen. Ob Paul was davon mitkriegte, kann ich nicht sagen. Der ging zwar auch nicht mit den Hühnern ins Bett, aber irgendwann brauchte er doch seinen Schlaf. Er verstopfte sich die Ohren. Sein Zimmer ging zur Straße raus, und gleich dahinter die Baustelle, um sieben Uhr fingen die an. Der Bagger renkte seine steifen Kiefer ein, dann Abriss.

Tiere bewegen sich fort

Igel schnurren, Hummeln tumbeln, Eichhörnchen klettern kopfüber vom Baum (schon länger keins gesehen), erstarren für den Bruchteil eines Bruchteils: sieht man gut ihre Knopfaugen. Dann weiter, hurtig übers Geländer. Meisen uen und ween durch die Luft oder tropfen akrobatisch durchs biegsame Gezweig und bepicken die jungen Triebe. Was man für Kohlmeisen hält, sind vielleicht Tannenmeisen.
Als ich die Neuruppiner Straße entlanglief – das war nicht der Plan – ließ mich der (wahrscheinlich) Revierruf eines Vogels aufmerken, und ich, der ich ihm sein Revier gar nicht streitig machen wollte, sah mich beschwichtigend um – und sah keinen Vogel, aber dann doch streckte einer seinen Kopf aus einem Baumloch, mit roten Federn oben: ein Grünspecht, las ich nach. Hunde traben oder trippeln, immer der Nase nach, sehr bauminteressiert, freudig oder mackermäßig dominant bei Treffen mit Artgenossen. Herrchen oder Frauchen achtlos hinterher, ckecken mit eingenicktem Kopf ihr Smartphone. Ameisen kreiseln wirrwarrig, das hatten wir schon. Aber mit Australien haben sie nichts am Hut – bloß dichterische Freiheit im säuseligen Poetenkopf von Joachim Ringelnatz aus Wurzen.

Fütterung

Im Aufsehen bemerkte ich eine schwarze Katze im rechten Ausschnitt der Gartentür, ein Kätzchen. Ich rief die Hausherrin, die sich gleich nach Futter umsah, aber es gab nichts. Da saß die Katze, wartend. Sie federte hoch, sprang auf ein marmornes Sims, streckte sich da aus. Der Hausherr wurde um Rat gefragt, der blieb in seinem Zimmer, brummte, ich verstand es nicht aber sah ein antwortendes Nicken und Treppenhochsteigen und Zurückkommen mit einem handtellergroßen Behältnis (ungefähr).
„Thunfisch mit Öl?” Das war die Frage – doch da wurde schon der Aludeckel aufgekrempelt, Zeit haben, Geduld haben ist ja nicht dasselbe, für eine Katze. Und da, kaum dass die Tür aufging, sprang sie herbei, lässig. Sie hockte sich ins Profil, blickte kurz auf und fing an zu fressen. Ein wie gähnendes Lecken der Lippen war alles, was vom Futter übrigblieb, und dann, die Katze: futschikato. Es war wirklich sehr heiß, sie wird sich gedacht haben: verdünnisier ich mich eben, wenn der Tag die Wärme so dick ausrollt. Ich kann’s nur vermuten.

Snickerstorte

E. schickte mir, kopiert auf fünf DIN A3-Blätter, ein ZEIT-Interview mit Wolf Haas („Warum lieben wir Krimis?”).

Drei Zitate daraus:

„Aus dem Vollen zu schöpfen ist selten eine Haltung, die zu interessanten künstlerischen Arbeiten führt. Formale Beschränkungen sind wie eine Batterie, die Strom erzeugt […].”

„Ich glaube, dass das Explizite ein Fehler ist.”

„ZEIT: Wieso erzählen Sie Ihre Geschichten immer so indirekt, mit einer Brechung?
Haas: Weil ich finde, dass die Literatur dafür da ist. Ich verstehe die Direktheit nicht. Ich habe mal ein Interview mit einem Jazzgitarristen aus den sechziger Jahren gelesen, Wes Montgomery, und der hat den schönen Satz gesagt: ‚Ich kenne die Melodie, du kennst die Melodie, warum soll ich sie spielen?’”

Für ein paar Tage war H. zu Besuch. Gestern waren wir im Café Buchwald, heute zeigte ich ihr die AEG Turbinenfabrik. Aus den Kästen vor der Buchhandlung nahm sie sich den Katalog der Kurt Wolff Stiftung mit (Es geht um das Buch) und die Wagenbach’sche Zwiebel, die sie dann aber doch nicht mehr haben wollte. Ich tat sie in den Kühlschrank. Ich hab auch Juxmomente.

Für die U-Bahn überlegten wir uns ein Fake-Gespräch über einen Besuch beim Engländer.

H. meinte, ich mache zu viel „Gewese” um die Erdbeere.
Sie staunte über den Straßenstrich Kurfürsten Bülow Potse, beglückwünschte mich zu Freddy Leck sein Waschsalon in der Gotzkowsky und war verblüfft, dass ich ein Bett habe.

Als neulich vormittags tschilpend ein Spatz vor der Ladentür saß, sagte ich: „Nein, Vögelchen, nein” und tat einen Schritt auf ihn zu – dabei bemerkte ich seinen Kumpel. Dieser flatterte gehorsam hinaus.

Drei Löschzüge

War es gestern oder vorgestern nacht? Drei Löschzüge fuhren brummend, mit Flackerlicht, an meinem Fenster vorbei. 2 Polizeiautos.
Vor dem Altenheim hielten sie an.
Einige Feuerwehrmänner verschwanden unter der Lichtmütze des Eingangs, andere standen herum, steckten sich Zigaretten an. Einer kam rauchend auf mich zu.
„Was ‘s los, Pit?”
„Weiß nich”, sagte er. Es sah aus, als ob er lachte.
Er schlenderte zurück.
Ich stand noch eine Weile.
Dann setzten der letzte Löschzug und eines der Polizeiautos zurück, wendeten und fuhren weg.
Dann leerte sich die Straße.
Die alten Leute – manchmal vergessen sie was auf dem Herd, oder es verschmort eine Fliege im Rauchmelder.

Klingelmelodie

Die Klingelmelodie war eine 5-Ton-Sequenz, die sich auf dem Papier, verbände man die Noten miteinander, als ein nicht ganz zu Ende gezogenes U ausnehmen würde.
Die Frau klappte das Telefon auf und sagte mit rauher Stimme in einem gleichbleibend freundlichen, erwartungsfrohen Tonfall, durchsetzt mit kleinen, unregelmäßigen Pausen:
„Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo? Allo?”
Dann beendete sie das Telefonat, sie musste auch sowieso aussteigen.

In der halben Stunde, während derer ich warten musste, setzte ich mich in ein Café, nach draußen, es war ja warm.
Die ausgefahrenen Markisen wurden eingekrault, und ich kniff mein linkes Auge zu und blieb in der Sonne. Blüten flogen zielstrebig von den Japanischen Kirschen ab.
Den Platz neben mir hatte ein kleiner Junge besetzt, der ein Glas mit Eiswürfeln in der Hand hielt, die er langsam ‘trank’, wobei er in undurchschaubarer Choreographie auf dem Stuhl herumkletterte, aus dem Sitzen heraus auf die Knie gehend, aufstehend, sich wieder niedersetzend, hinknieend, aufstehend und so weiter, wie vielleicht ein eckiges Rad sich mit Mühsal auf einer derben Straße dreht.
Dann sprang er auf, um mit seinem Spielgefährten auf den Steinblöcken einer eng umzirkelten Grünfläche herumzuturnen, die ihn ebenso zu rastloser Bewegung anspornten wie zuvor die kleinen Eisblöcke in seinem Glas.