Landgard

Vor Arbeitsbeginn, gegen Viertel vor sechs, fanden wir uns immer am Stehtisch zusammen, in robuster guter Laune, Ute, Roland, Anni, Renate, Hawa, Brigitte, oder wer am jeweiligen Tag da war. Wir rauchten Selbstgedrehte oder Billigmarken, Anni setzte ihren kleinen gelben Aschenbecher in die Mitte und alle tauschten sich darüber aus, wieviele „CCs” und wieviel „Schnitt” es diesmal wären. Wer sich auskannte, sagte dann: „Zwölf” oder „Elf, Viertel nach elf” – bis dahin wäre die Arbeit geschafft, und „Zwölf” oder „Elf” antwortete es.
Die Heißgetränke kamen aus dem Automaten, bei jeder Zubereitung zuckte das Kabel.

Die Schnittblumen wurden von den Schnittblumenverteilern mit Elektroschleppern an ihre Plätze gefahren. Wir hatten damit nichts zu tun, außer dass die schnellen schlenkrigen Linien, die sie mit ihren – zu langen Reihen gekoppelten – Blumencontainern längs der Halle zogen, unsere energischen Striche durchkreuzten, mit denen wir die Blumenkarren von der Kettenbahn aus in Richtung Box schossen.
Durch den hohen Aufbau der Schnittblumencontainer gerieten die im Abstand von einigen Metern von der Decke hängenden – am unteren Ende, der besseren Griffigkeit wegen, mit gelber Klebefolie umwickelten – Ketten in Bewegung und schwangen hin und her. Sie dienten als Notbremse, wenn Karren sich verhakten oder eine Karre umgefallen war.

„Für die Schnittblumenverteiler ist Pause von sieben Uhr fünfzig bis acht Uhr”, hallte die Durchsage in traniger Exaktheit, da war unsere Pause schon zehn Minuten dran.
Petra saß auf der Metallkante eines Stangenwagens, ich auf dem Betonboden.
Wir waren für dieselben Stellplätze eingeteilt. Sie zog heraus, ich stellte hin, oder umgekehrt. Sie sagte, wie bei einem Quiz, die lateinischen Namen der Pflanzen, die an uns vorbeifuhren, ich war schon froh, wenn ich die „Schwarzäugige Susanne”, den „Husarenknopf” oder das „Mädchenauge” kannte, auf Deutsch.

Als ich die letzten CC-Container auf ihre Stellplätze geschoben und meine Kontrollnummer daraufgeklebt hatte, lief ich durch die Halle nach hinten, um mich von den anderen zu verabschieden.
Samuel zog seinen fleddrigen rechten Arbeitshandschuh aus, schüttelte mir die Hand und wünschte mir alles Gute. Schlaff der Händedruck von Anni und Renate (Renate hatte sich schon eine Zigarette angesteckt).
The Edge war in der 1013er-Box und machte sich an einer Karre zu schaffen, ich winkte ihm zu.
Sabrina habe ich nicht mehr gesehen. Sie will mir ein Foto ihres neuen Autos schicken. Ich sagte ihr, dass ich das auf meinem alten Handy wahrscheinlich gar nicht ansehen könne; sie meinte, doch.
Ich hatte versucht, sie davon abzubringen, die Heckscheibe und hinteren Seitenfenster mit schwarzer Folie abkleben zu wollen, aber sie lachte und freute sich: „Ich find’s super!”

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