Baustelle

Meine Nachfolgerin war Caroline, die ihren englischen Namen ihrer englischen Großmutter verdankte, sie war aber italienischer Abkunft. „Baustelle” sagte sie, als sie vom dritten Stock hinunter auf die in Konstruktion befindliche Shopping Mall sah, von der noch nicht viel zu erkennen war. Bagger hoben eine Tiefgarage aus, und da standen so fette Teile, für Beton, glaube ich, sahen aus wie stählerne Sanduhren, leicht zusammengedrückt. Sie erklärte uns, wie merkwürdig das Wort in ihren Ohren klang. „Bau bau” ist nämlich bellen, auf Italienisch, und „stelle” sind Sterne. Sie dachte bei „Baustelle” an einen Hund, der die Sterne anbellt. Sie rauchte selbstgedrehte Zigaretten und sah immer käsebleich aus, die Haut auch nicht richtig glücklich. Sie war hundeverrückt und liebte das Chaos, oder sie hielt es aus. Ein Hund lief da auch rum, wenn ich vorbeikam, der war geheim. Sie verschlief die Tage (hat mir Paul erzählt) und wurde erst abends munter, dann ging sie auf Parties, und zwar, wenn ich richtig verstanden habe, jeden Abend, vielleicht auch normal mit dreiundzwanzig. Mitten in der Nacht kam sie zurück, aufgekratzt, angeschickert, machte Krach, die Nachbarn beschwerten sich. Es war sicher kein bösartiger Krach, vielleicht tanzte sie nur eine Runde oder sang ein Lied, das ging gar nicht gegen wen. Ob Paul was davon mitkriegte, kann ich nicht sagen. Der ging zwar auch nicht mit den Hühnern ins Bett, aber irgendwann brauchte er doch seinen Schlaf. Er verstopfte sich die Ohren. Sein Zimmer ging zur Straße raus, und gleich dahinter die Baustelle, um sieben Uhr fingen die an. Der Bagger renkte seine steifen Kiefer ein, dann Abriss.

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