Die Müllmänner

Ich schob das Fahrrad aus dem Torweg, die Müllmänner winkten von der Straße, die Tür fiel zu.
Ich schloss ihnen auf.
Wenn man den Fahrradständer ausknickt, ist es ein bisschen, als kreuze man die Füße und ließe sich mit der Schulter gegen den Türpfosten fallen, um da lehnend zu warten. Aber nicht man selbst: das Fahrrad auf seinem Stützfuß.
Fahrräder sind treu wie Hunde.
Von links kam einer, sagte danke, der von vorn kam, nickte nur.
Auf der Straße das Müllauto brummte und rumpelte. Links von der Müll-Lade war ein Teddy oder Hase geschnallt, schwer zu erkennen was. Ein Maskottchen.

Man müsste eine Kulturgeschichte des Fahrrads schreiben, über seine Bedeutung als Fortbewegungsmittel, Arbeitsinstrument, Sportgerät, über seine Rolle in Film und Literatur.
Ich denke an Alfred Jarry, der statt zu klingeln Revolverschüsse abgab.

Neulich verfing ich mich mit dem Vorderrad in den Straßenbahnschienen und kippte nach links, gefaltet von der Straße. Ich schrappte mir den Unterarm auf. Nichts passiert.

Stangenwerfen

Vom Küchenfenster aus beobachtete ich zwei Kinder, die unermüdlich eine Stange in das Geäst eines Baumes warfen, um ein Spielzeug zu befreien, das sich dort verfangen hatte. Es war von meiner Stelle aus nicht zu erkennen, und sie selbst sahen es vielleicht auch nicht genau. Mit eintönigem Geräusch fiel die Stange auf den Gehweg, die Kinder passten auf, dass sie nicht von ihr getroffen wurden und dass auch das Auto nicht zu Schaden kam, das nebenan auf der Straße parkte. Ihr Tun hatte überhaupt keine Wirkung, brachte nur das immer wiederkehrende ‚klong’ hervor, wenn die Stange auf den Boden traf.
Vielleicht war da nichts.
Schließlich legten sie die Stange weg, griffen ihre Ranzen und zogen ab.

Wie man Crema macht

Stell die Caffettiera auf den Herd, behalt sie im Auge, vertief dich nicht zu sehr in die Zeitung. Gib zwei, drei Teelöffel Zucker in ein Gefäß, verquirl ihn mit den ersten Tropfen Kaffee, die aus dem Steigrohr rinnen (die ersten Tropfen! – du kannst den Löffel dazu benutzen). Stell die Kanne zurück auf die Flamme, bis der letzte Kaffee heraussprutzelt. Verteil den Zuckerschaum auf zwei Tassen (oder eine Tasse? – eine Tasse geht auch) und gieß den Kaffee ein.

Olbia, ein Abendessen auf der Terrasse. Serena war da und dottor Casu, ihr Mann, der Flughafenmanager, liebenswürdig und stur (mit seinen roten Haaren erinnerte er an Ezra Pound), vielleicht auch Siiri.
Cristina sagte, ich müsse das gebratene Schweinsohr essen. Sie tat es mir auf den Teller, dort lag es steif und ledern, seitlich geneigt wie lauschend. Alle schauten stumm und heiter zu mir hin.
Eine der Servietten, erinner ich mich, wurde von einer Windbö erfasst, belebte sich, stieg über unsere Köpfe hinweg, erreichte schaukelnd die Höhe des Dachfirstes und entschwand.

Kiezkantine

Der Held der Erzählung Die Smogwolke (von Italo Calvino) lebt als Untermieter einer tauben alten Frau in einer nicht näher bezeichneten italienischen Stadt. Es staubt überall. Frisch gewaschen liegen Hemden auf der Bettdecke, aber die Krägen zeigen Pfotenabdrücke der Katze. Der Held wäscht sich die Hände, sobald er aus dem Büro zurückkehrt, vermeidet jedes Anfassen. Zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten empfängt er emphatische Telefonanrufe seiner Freundin, auf die er zurückgenommen und einsilbig antwortet. Hinter einer verglasten Tür geht das Licht an, die Vermieterin schleicht über den Flur und macht ein Handzeichen, sie werde nicht stören.

Der Mann stellte mir die Tasse hin, ich fragte: „Was macht’s?”
Ich aß das mit Kokosflocken bestreute Plätzchen, am Kaffee hätte ich mir nur die Zunge verbrannt.
Der Mann war mit meiner 2-Euro-Münze entschwunden. Ich fragte mich, ob er sie für eine 1-Euro-Münze gehalten hatte und ob ich gegebenenfalls das Rückgeld reklamieren sollte. Aber die Suppe mit weißen und schwarzen Bohnen hatte nur 2,50 Euro gekostet, und dies war die Kiezkantine, eine unterstützenswerte Einrichtung. Ich kam zum Schluss, dass 4,50 Euro für ein Mittagessen mit Kaffee ein annehmbarer, ja angemessener Preis war.

Neben dem Buchladen zur schwankenden Weltkugel las ich, wie jedes Mal, wenn ich daran vorbeikomme, auf der Hauswand die Worte – selbst der Papst hätte es nicht besser sagen können: „Kapitalismus normiert / zerstört / tötet”.
Ich lese gerne Schrift im Stadtbild, wenn es keine Werbung ist.
Ich mag z. B. das Alphabet, das kunstvoll auf die Fassade des Hauses zwischen Kastanienbäckerei und Lichtblick Kino gepinselt ist, einfach die 26 Buchstaben, von links nach rechts.

Frost

Ich behielt die Handschuhe an. Die Seiten ließen sich gut umblättern.

Ein Geräusch, das aussetzte, wieder einsetzte, wie von Kinderwagenreifen, die über Splitt rollen: nur der Wind – rührte die Blätter am Baum.
Vor dem Gericht wurden tatsächlich Kinderwagen durchs Bild geschoben,
Stimmen an ihrem Griffende.

Zwei Bilder

Ich habe mir zeigen lassen, wie die Markise ausgefahren und wieder eingefahren wird.

Zur Pause bin ich in ein Back & Snack gegangen.
Bilder von Autounfällen und Überschwemmungen flimmerten über den Bildschirm.
Die Bedienung schichtete Kuchenstücke auf ein Tablett.

Zwei Bilder haben den Tag gerahmt, vormittags die Steinskulptur, die König Ludwig IX und seine Gattin Margarete zeigt, abends eine Milchspur auf dem – heute den ganzen Tag über leicht gefrorenen – Boden, deren filigrane Ränder mich an bestimmte Moos- oder Flechtenarten erinnerten, aber auch an Details auf einigen Gemälden von K. O. Götz, da, wo die Farbe zerfließt.

In einiger Entfernung kreuzte ein Eichhörnchen die Straße.
Es hockte, als ich näher kam, reglos auf einem Mäuerchen mit einer Walnuss im Maul.

Jetzt liegt dünn Schnee. Manche bekommen durchs Telefon gesagt: „Pass auf!”

Ein griffloser Koffer

An sieben oder acht Stellen steht meine Habe verteilt, bei mir ist nur ein griffloser Koffer, den ich gegen die Brust gedrückt halte wie ein großgewordenes Kind, das zu schwer zum Tragen ist.
Ich weiß die Bücher, die Möbel, die Bilder, die Einrichtungsgegenstände, anderswo.
Freunde haben mir mit leeren Kartons geholfen, A. hatte ein jägerisch blitzendes Auge, als sie die Heckklappe öffnete.

Es regnete stundenlang, und ich hielt nur noch den Tragegriff der Tüte in der Hand. Zwischen den großen Fetzen, in die sie zerfallen war, lugten die Bücher und Papiere hervor wie lausige Vögel.
Lange waren keine Taxis gekommen, dann schoben sich – fast gleichzeitig – zwei an den Bordstein. Das erste hupte gebieterisch, wir sagten das Losungswort.

Datscha

G. hat mir mit der Steuer geholfen, und ich bin abends noch losgefahren, um den Umschlag einzuwerfen, drei Tage Verspätung mögen angehen.
Auf dem Rückweg habe ich B. hallo gesagt. Nachts war er aus Flensburg zurückgekommen, jetzt saß er matt auf der Bank.
Überall auf dem Rasen Äpfel und Birnen, nur ein wenig beiseite geharkt, die Wespen machten sich daran zu schaffen, es gab sehr viele davon.
Auch ins Tischglas mit seinem stehend-schwappigen Wachs waren sie eingetaucht, zusammen mit Faltern und Fliegen, den gemeinen Hausfliegen und den anderen, glänzenden. Die lockende Wirkung des Gemischs hatte wohl nachgelassen; mochte eine Wespe durch die eingestülpte Öffnung krabbeln und sich bis auf weniges der Brühe nähern – sie fand leicht den Ausgang und schwebte in einem Schlenker davon.
Weit ausgehöhlt die Birne, die einen Schritt weiter im Gras lag; vier fünf Wespen säbelten und beißelten daran, die Köpfe weit nach innen gedreht, in einer kurzen Linie, wie an einem Gesäuge.
Ein Fuchs schlug das Buch seiner Zeichnung auf.
Züge fuhren langsam vorbei.

Tierbau Bücherhöhle

Vögel waren die Ausnahme.

Eddie sprang mich an wie immer. Wiedererkennensfreude oder Randale?
Sein griffiges Pudelfell war erbarmungswürdig geschoren, er sah aus wie ein Lämmchen. Die schwarzen Augen, sonst als glimmende Knöpfe nur erahnbar, blickten kritisch und irgendwie humorlos.

Überhaupt die Hunde all:
Till, der schöne Königspudel von Frau Dziersk.
Sie hatte zuweilen Vertretung gemacht, vor meiner Zeit. Eine liebenswürdige Person, mit Herbheiten. Mann kriegsblind, ich schüttelte oft seine verstümmelte Hand.
„Was lesen Sie?”
„Erbsen in die Suppe.”
Jutta.
Flore, die eines Tages mit Schwung mitten in den Raum gelaufen kam, und dann wieder, einige Monate später.
„Kommst du mit zu Rudi?”
Sie trabte leicht neben mir her.
Indi, Pastor Sürgers‘ Hund, das bravste Tier von allen.
Wenn er zelebrierte, Pastor, schlief er in der Sakristei, Indi.
Indi ist gestorben, aber Pastor Sürgers sehe ich hin und wieder noch, und erinner mich gut, wie er einmal in der Fußgängerzone langsam an mich heran radelte und mir erst in den Rücken, dann auf Augenhöhe und schließlich halb sich zurückwendend, dabei immer gemächlich in die Pedale tretend (der Sattel war ganz niedrig gestellt), die kurzgefasste Geschichte vom plötzlichen Tod des Altbischofs Lettmann in Jerusalem erzählte.
„Er ist in der Geburtskirche umgekippt! Ist das nicht schön?!”, meinte er mit breitem Christenlächeln, das sich nun stetig entfernte, Cheshire Cat, er war auch schon fast zu Hause.
Paul braucht jetzt etwas, bis er mich erkennt, aber dann freut er sich und schleckt mir beiläufig über Hand oder Nase. Er würde mich respektieren in seinem Rudel.
Ich ließ ihn meist unangeleint, unterm Tisch liegend, stupste er mit seiner Nase gleichgültig, fordernd, seinen durchgesabberten Tennisball zu mir herüber, ich rollte ihn zurück, er gab ihm einen neuen Nasenstups usw.
„Was ich mag” stand auf seiner Facebook-Seite, ein Foto eines Fasans, ein Foto eines Tennisballs.

Amsel tapste durch die Tür – im Windfang hatte der Sturm Blätter und Zweigchen abgelegt -, drehte einen Halbkreis um die Regale, flatterte ins Schaufenster, verharrte dort eine Weile (stützte sich mit den Flügeln ab), hopste auf den Boden, machte ein paar Trippelschritte, kaperte die Theke, sich in kleinen Rucken seitlich bewegend (wie ein Kind auf einer Schaukel sich zurechtsetzt), flog auf einen geflochtenen Korb, hüpfte auf den Boden und tippelte wieder nach draußen.
Der Baum empfing sie mit lesbareren Blättern.

Kaffee, Apfel, Bier

Nach der Arbeit kurierte ich meine Kopfschmerzen, indem ich Kaffee trank und dazu einen Apfel aß.
Ich habe auch geschlafen, ungefähr anderthalb Stunden.
Abends fuhr ich ein paar Sachen einkaufen.

Am Kaufcenter kam ein südamerikanisch aussehender Mann zielstrebig unsicher auf mich zu, als hätte er mich schon erwartet, könnte es aber nicht glauben, dass ich mich wirklich materialisiert habe, und fragte, ob ich ihm ein Bier kaufe.
„Welches?”, fragte ich.
Es war eine effiziente Unterhaltung.
„Egal”, sagte er, „billig billig.”
Ich wählte eines mit Bügelverschluss.
Als er mich zurückkommen sah, sprang er aus seiner Trägheit auf, nahm sein Bier in Empfang, sagte „Danke”, wünschte mir einen guten Tag und bog um die Ecke.